Die meisten Patienten mit Prostatakrebs haben zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Mikrometastasen !

In einer auf dem Amerikanischen Urologenkongress 2007 vorgestellten Studie konnten die Autoren bei Anwendung entsprechender Hightech – Labormethoden, welche in der klinischen Routine nicht zur Verfügung stehen, nachweisen, dass die Mehrzahl der zur Operation anstehenden Männer mit Prostatakrebs bereits Prostatakrebszellen im Knochenmark haben (Quelle: Morgan,T.M. et al: Disseminated tumor cells in prostate cancer : implications for systemic progression and tumor dormancy. J. Urol. 2007, 177, No.4 Suppl.,abstract 657)

Die Autoren aspirierten dabei Knochenmark sowohl von Patienten mit Prostatakrebs, welche zur „kurativen“ Prostataentfernung anstanden, als auch von gesunden Männern mit einem PSA-Wert < 4 ng/ml, bei welchen kein Prostatakrebs bekannt war.

Das aus dem Knochenmark gewonnene Zellmaterial wurde mit aufwändigen labortechnischen Methoden aufbereitet und mit markierten, gegen Prostatakrebs-zellen reagierenden Antikörpern versehen, welche dann mit Hilfe der Fluoreszenztechnik sichtbar gemacht wurden. Diese Zellen wurden dann zusätzlich bei einem Teil der Patienten  auf chromosomale Veränderungen mittels vergleichender Genom hybridisierender Arrays untersucht. Die gefundenen Ergebnisse waren sehr beeindruckend:

74 % (395 von 537) der  Patienten mit Prostatakrebs hatten zum Zeitpunkt der in kurativer (heilender) Absicht durchgeführten Operation bereits nachweisbare Krebszellen im Knochen.

15 % (3/20) der gesunden Männer mit PSA< 4 ng/ml hatten ebenfalls nachweisbare Prostatakrebszellen im Knochenmark.

Bei 79 % (19/24) der Patienten, bei welchen wegen einem Prostatakrebs eine radikale Prostataentfernung durchgeführt worden war und es im weiteren Verlauf zu einem PSA-Anstieg, gleich bedeutend einen Krebsrückfall, gekommen war, wurden ebenfalls Prostatatumorzellen im Knochenmark nachgewiesen.

Nur 27 % (4/15) der  Patienten, bei welchen wegen eines PSA-Anstieges nach operativer Entfernung der Prostata ein Hormon(Testosteron)entzug erfolgte, hatten nachweisbare Tumorzellen im Knochenmark.

Insgesamt konnten bei 56% (58/103) Patienten nach radikaler operativer Entfernung der Prostata noch Tumorzellen im Knochenmark nachgewiesen werden ohne dass der PSA-Wert im Blut dies angezeigt hätte. Im weiteren Verlauf entwickelten 6 dieser positiven 58 Patienten sichtbare Metastasen.

Was lehrt uns diese Studie: Zum Zeitpunkt der Diagnose Prostatakrebs haben 75 % aller Männer bereits Mikrometastasen im Knochenmark, wären also de facto nicht mehr heilbar, weil ja der Prostatakrebs über die Blutbahn bereits Krebszellen in den Knochen gestreut hat. Klinisch verhält sich dies aber völlig anders:  Nur ein kleinerer Anteil dieser Patienten entwickelt später Metastasen nach radikaler operativer Entfernung der Prostata.

Warum ist dies so? Je älter wir werden, desto häufiger kommt es in unserem Körper zur Entstehung bösartiger Tumorzellen in den verschiedensten Organen, welche im Normalfall durch die eigene Immunabwehr wieder abgetötet werden. Erst wenn die eigene Immunabwehr entscheidend geschwächt ist, sei es durch andere Erkrankungen, oder aber genetisch bedingt oder aber wenn genetisch bedingt, eine familiäre Häufung für eine bestimmte Krebsart (hier Prostatakrebs) vorliegt, dann werden diese Krebszellen nicht mehr alle abgetötet, können sich vermehren und wachsen, so dass es dann in der Prostata zu einem Areal (klinisches Korrelat ist häufig ein tastbarer harter Knoten) mit entartetem Gewebe, also der Manifestation eines Prostatakrebses kommt. Da solches Krebsgewebe natürlich von Blutgefäßen versorgt wird, kommt es bereits in Frühstadien eines Krebses zum Anschluss an den Blutkreislauf und damit zu der Möglichkeit, dass Krebszellen in den Blutkreislauf abgeschilfert werden ,in andere Organe gelangen und dort quasi lange „überwintern“, sprich schlafen können (Englischer Ausdruck: tumor dormancy). Irgendwann im späteren Verlauf können diese Tumorzellen wieder aus dem „Dornröschenschlaf“ erwachen, sich vermehren und wachsen und dann klinisch sichtbare Metastasen bilden, die dann schließlich meist zum Tode führen. Dies erklärt auch, dass wir in unserer Urologischen Sprechstunde bisweilen Patienten sehen, welchen es die ersten Jahre nach radikaler Entfernung des Prostatakrebses bestens geht ,die dann aber plötzlich 5 , ja 10 Jahre nach dieser Maßnahme Metastasen entwickeln ( bei einem eigenen Fall war dies über 10 Jahre nach Operation der Fall).

Letztendlich sind die Ursachen , warum einige der von Krebs befallenen Patienten solche, häufig zum Tode führenden Spätmetastasen entwickeln, bei vielen anderen aber diese gestreuten Tumorzellen weiter schlafen oder absterben, im Detail  ungeklärt. Vieles spricht für genetische und immunologische Faktoren.

 

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